24.03.2011

Von Nesthockern und Hotel Mama-Gästen

Eines regt mich ja inzwischen immer mehr auf: Die Worte „Nesthocker und Hotel Mama“. Ab und an stolpert man beim Zappen durch die  Fernsehsender über diese sogenannten Doku-Soaps. Ja wirklich, mehr als Seifenopern sind das  nicht. Da sehen wir dann junge Leute, die aufmüpfig in ihren Zimmern hocken, meist mit Flat-TV, neuestem Computer, aktuellem Design-Handy, teuren Markenklamotten und unmöglichen Frisuren oder bis zur Haarwurzel vollgepierct. Macht die Mutter – meist sind es die Mütter – auch nur die Tür auf, geht ein Gekeife los, das man nur ungläubig den Kopf schütteln kann. Sind das Werte, die man über die Medien verharmlosen und als „normal“ deklarieren darf?

Sollte dies, was das Fernsehen da zeigt, tatsächlich so sein? Dann läuft in unseren Familien etwas gewaltig schief. Natürlich frage ich mich, ob in Anbetracht der laufenden Kameras nicht alles nur publikumsgerecht aufgemacht wurde. Und ehrlich gesagt hoffe ich in meinem Innersten, dass dies nur medienwirksam vermarktet werden soll. Aber leider höre ich von meinem jüngsten Sohn, der inzwischen 27 Jahre alt ist und aus Kostengründen täglich die Bahn zur Arbeit nimmt, dass die Rüpeleien selbst unter Schulkindern der untersten Klassen bereits morgens vor dem Unterricht enorme Ausmaße annehmen kann. Was ist nur geschehen? Zu „meiner Zeit“ – zugegeben auch schon fast vor 50 Jahren – hatte man noch zu grüßen, hatte den älteren Menschen den Platz zu räumen und „benahm“ sich „ordentlich“. Es hat uns nicht geschadet. Im Gegenteil, wenn ich heute die jungen Menschen so beobachte, muss ich gestehen, tun sie mir im Herzen leid, weil ihnen niemand anscheinend die einfachsten Benimmregeln beibringt.

Gestern Abend lief im Fernsehen eine dieser Soaps. Eine junge Frau, gerade mal etwas über zwanzig, versuchte einem jungen Mann eine Wohnung zu vermieten. Auf ihre Frage, ob er sich von seiner Freundin getrennt hätte, erklärt er, er wohne noch bei seinen Eltern. Mit großen Augen schaute ihn die junge Frau erstaunt an und meinte dann, er sei ja wohl ein Nesthocker. Der junge Mann guckte etwas verstört, anscheinend hatte er sein Zuhause-wohnen noch nicht aus diesem Aspekt gesehen. Soweit so gut. Doch die Frau, die in ihrem Leben wohl nichts von Nestwärme gehört hat, gab keine Ruhe zu diesem Thema und hakte mehrmals nach. Im Grunde redete sie ziemlich abfällig über das „Zuhause wohnen in diesem Alter“. Ob dies nur eine „interessant klingende“ Passage im Drehbuch dieser Serie war oder nicht, stelle ich nun einfach in den Raum. Aber es hat mich doch gewaltig aufgeregt, welche armseligen Werte hier über eines der größten Medien vermittelt werden sollen.

Familien werden nun einmal gegründet. Warum heiraten Menschen und bekommen Kinder, doch nur, weil sie einen engen Verbund der Gemeinschaft leben wollen. Wo steht geschrieben, dass Kinder, auch wenn sie schon etwas „älter“ sind, mit ihrer Volljährigkeit fluchtartig das Elternhaus verlassen müssen?  Ganz fatal finde ich inzwischen, dass in unserer Zeit „in“ zu sein scheint, die „Nesthocker“ so verbal anzugreifen. Sie werden doch im Grunde als lebensunfähig abgestempelt. Nur stelle ich mir die Frage, warum haben wir in unserer modernen Gesellschaft so viele psychisch kranke und gestörte Jugendliche? Die Kliniken sind voll von solchen armen jungen Wesen, deren Leben nicht einmal ansatzweise normal verläuft geschweige denn, denen man die Chance gegeben hat, sich im Elternhaus heimisch zu fühlen. Wo frage ich, sollen die wertvollen Jungen denn Werte erhalten, wenn nicht bei ihren Eltern und in der Familie? Warum sind Unmengen von jungen Leuten von irgendwelchen Suchtmitteln „abhängig“? Wissen nicht, wohin sie mit ihren Problemen und Fragen gehen können? Natürlich muss nicht jeder junge Mensch gleich in sein Unglück abstürzen, aber ich sehe die Gefahr in denen, die keinen Halt finden. Denn genau diese verdrehten Psychen sind letztendlich die Gefahren für die von oben herab sehenden „Guten im Lande“.

Es regt mich wirklich total auf, wenn ich solche Soaps sehe, in denen die „Eltern“ schon nicht in der Lage sind, Werte zu vermitteln. Und die Kinder aufmüpfig und radikal eigensinnig auf ihrem „Recht“ pochen…. Ich frage mich…. Was suchen sie wirklich? Der neueste Trend dieser Sendungen scheint dahin zu gehen, junge Menschen, die absolut kein Benehmen haben, und sich angeblich ändern wollen, in solche Benimm-und Zusammenhalt-Camps zu stecken und medienwirksam zu zeigen, wie gut doch das Gefühl von Gemeinschaft und Zusammenhalt ist.

Seit einem Jahr kann ich täglich erleben, dass ein junger Mensch, der nachdem er bereits aus dem Elternhaus ausgezogen war und vier Jahre in einer eigenen Wohnung sein Leben prima gemeistert hatte, wieder ins Elternhaus zurück gezogen ist. Dieser junge Mensch ist deswegen in seiner Entwicklung als reifer Mann ganz gewiss nicht zurückgefallen, geschweige denn könnte er sich nicht selbst versorgen. Auch was seine berufliche Karriere angeht, geht er Riesenschritte vorwärts. Und sein Freundeskreis trifft sich nun eben in seiner kleinen Wohnung im Elternhaus. Fremde, die ihn fragen würden, wo er wohnt, würden ihn vielleicht als Nesthocker oder Hotel-Mama-Genießer bezeichnen, aber auch nur Fremde, die ihn nicht kennen. Er ist selbständig, keine Frage.

Und da ich seine Mutter bin, muss ich nun eine Lanze für Mütter und Söhne oder Töchter brechen, die sich nicht als Hotel-Mama-Betreiber und – Genießer sehen. In meinem Fall „muss“ ich nicht für meinen Sohn kochen, nein es ist mir eine Freude. Und wenn ich für mich und meinem Mann das Essen zubereite, ist da immer noch so viel übrig, dass es für eine weitere Person reicht – also, kein Problem. Mein Sohn ist von Natur aus ein Spaßvogel, immer zu einem lustigen Spruch bereit, der mich schon viele Male morgens um Sieben zum Lachen gebracht hat. Es ist ein Geben und Nehmen zwischen uns. Einer der Vorteile, dass er bei uns wohnt, ist z.B mein ständig zur Verfügung stehender PC-Support, mein Sohn arbeitet erfolgreich in der IT-Branche, also brauche ich keine teure IT-Firma zu bemühen, wenn mein PC schwächelt oder das Internet nicht funktioniert. Das ist doch ein Argument oder? Diese Liste an Vorteilen für uns als Eltern und ihn als Sohn könnte man ausweiten.

Was ich jedoch ganz klar erkannt habe, ist die Tatsache, dass es ein Geben und Nehmen sein muss. Und ich glaube, dies fängt nicht erst an, wenn die Kinder in die Pubertät kommen. Viele Male in seiner Jugend habe ich ihm beigebracht, was es bedeutet zu teilen oder ohne Entlohnung zu helfen. So mancher Akt der Überzeugung war damals notwendig. Auch Strenge und Konsequenz gehörten dazu. Im Gegenzug jedoch auch immer die Gewissheit für ihn, dass wir als Eltern ihn von Herzen lieben und hinter ihm stehen, was auch kommt. Er wusste als Kind schon und weiß es bis heute, dass er uns vertrauen kann, genau so wie wir ihm vertrauen und wissen, dass er uns nicht ausnutzen würde. Heute glaube ich, dass dies der Schlüssel zu dem Zusammenleben war, das wir heute praktizieren. Eines Tages wird er eine Familie gründen wollen, dann reicht der Platz zuhause nicht mehr aus, dann wird er ausziehen und sich eine größere Wohnung suchen. Das wird für uns in Ordnung sein.

Übrigens haben wir nicht nur diesen einen Sohn, wir haben drei davon. Jeder für sich ein außergewöhnlicher Mensch. Jeder brauchte in seiner Jugend ganz spezielle Zuwendung, absolut verschieden, was uns als Eltern oftmals an die Grenzen des Verstehens brachte. Aber heute sehen wir die Frucht. Wir gaben unser Bestes, was nicht immer das Beste für unsere Söhne war – nach deren Ansicht. Wir haben tatsächlich manches Mal ziemlich danebengelegen. Aber wer hat dieses Problem nicht. Doch ich glaube heute zu sehen, dass am Ende der Zusammenhalt in Problemen und die gegebene Liebe unsere Söhne zu wertvollen, ehrlichen, strebsamen Männern gemacht hat.

FAZIT: Nicht die Kinder sind nur die Bösen. Gebt euren Kindern Nestwärme, gebt ihnen eure ehrliche Liebe, gebt ihnen auch Zucht und Ordnung, gebt ihnen Werte, die nichts mit moderner Kommunikation zu tun haben, sondern die aus dem Herzen kommen. Dann erst kauft ihnen das neueste Handy. Zeigt ihnen, dass das Leben ein Geben und Nehmen sein muss, damit alle zufrieden zusammen leben können. Dann wird es kein Hotel-Mama und Nesthocker-Gehabe mehr geben. Unsere Kinder sind alles, was wir tatsächlich „hinterlassen“. Gebt ihnen die Chance, wertvolle Menschen zu werden, die wertvolle Menschen in der nächsten Generation erziehen können, dann werdet ihr als Großeltern erleben, dass ein Haus voller Menschen auch ein Heim voller Wärme ist. Ich jedenfalls fühle mich nicht ausgenutzt, nein vielmehr genieße ich die kostbaren Minuten, in denen ich meinen Sohn morgens beim Frühstück sehen kann. Ich genieße die Familienessen, die ich schon Wochen vorher planen muss, damit alle terminlich Zeit haben. Wie wertvoll diese Zeiten für mich sind, in denen meine ganze Familie an meinem Tisch sitzt und isst und lacht und Spaß hat – auch wenn dies nur ein paar Mal im Jahr geschieht und nur zwei bis drei Stunden dauert – das begreift man erst, wenn man älter wird und die Kinder ihre eigenen Wege gehen.

Hört auf von Nesthockern und Hotel-Mama´s zu reden. Vielmehr freut euch, dass ihr gemeinsam euer Leben voller Freude und Frieden gestalten dürft. Morgen kann alles schon ganz anders sein – bedenkt dies!