10.05.2011 Meine ganz private  Depri…..

Es ist immer wieder erstaunlich, was unser Körper alles in 16 Stunden an Emotionen und den dazu gehörenden Reaktionen produziert. Ich will mal anhand meines heutigen Tages demonstrieren, wie das vor sich gehen kann.

Also, aufstehen um zehn vor sechs. Jedoch Aufwachen um halb vier am Morgen weil die Vögel so wunderbar den Morgen einzwitschern. Ich liebe das Gezwitscher der kleinen Kerle, es erinnert mich immer wieder an die Stelle in der Bibel, wo David sagt:

Psalm 5,4:
HERR,  frühe wollest du meine Stimme hören, frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

Ich stehe auf und gehe auf den Balkon, um den Vögeln zuzuhören und meinem Gott für diesen kommenden Tag zu danken. Es ist wunderbar, noch kühl, still, nur die Vögel singen. Am Horizont sieht man schon einen klitzekleinen hellen Streifen, der Tag beginnt. Über mir auf dem Dach sitzt eine Nachtigall und trällert wunderschön. Ich fühle mich pudelwohl, bin total gut gelaunt und freue mich, dass es mir so gut geht.

Was dieser Tag dann wirklich bringen wird, ahne ich natürlich noch nicht. Ich lege mich noch einmal ins Bett und schlafe ein. Zehn vor fünf erschrecke ich, weil der Nachbar unbedingt seiner lieben Frau laut und deutlich tschüß sagen muss und nicht genug mit den Autotüren knallen kann…. Um zehn vor fünf!!!  GRUMMEL!

Irgendwie hat mein Körper heute Morgen plötzlich Kopfweh… ich frage mich – wieso? Ich mag kein Kopfweh!!! Das interessiert meinen Kopf aber irgendwie nicht sehr. Also dann, aufstehen mit Kopfweh und Grummel wegen dem Nachbarn im Bauch. Und weil ich Kopfweh habe, nervt mich mein Mann und der Hund. Eigentlich hat keiner der Beiden etwas Falsches getan – aber ich bin eben genervt. Der arme Mann geht ratlos und kopfschüttelnd zur Tür hinaus zur Arbeit. Dem Hund ist anscheinend mein angeschlagener Zustand egal, er will direkt sein Essen und dann, wie gewohnt, bespielt werden. Bällchen holen, vor mich hinlegen, seeeeeehr geduldig darauf wartend, bis ich das Bällchen werfe. Er hypnotisiert regelrecht das Bällchen, bis meine Aufmerksamkeit dann endgültig ihm gehört – vor Freude rennt er alles um und wirft dabei ein Glas um, das scheppernd und zersplitternd auf dem Boden landet. ALARM!!!

Ich also schnell den Hund aus der Gefahrenzone geschubst, er könnte sich ja in dem Glas seine Füße zerschneiden, das will ich ja nun nicht. Geschlagene zehn Minuten später, als ich endlich alle Scherben und Splitterchen eingesaugt, den Boden gewischt und den Teppich ausgeschüttelt habe – immerhin hat der ein ausgewachsenes Maß vom 1,70 x 2,40 m, was meinen Oberarmen als Morgengymnastik  zugute kommt, und nachdem ich mir eine blutende Schnittwunde am Finger verarztet habe, weil ich unachtsam in eine Scherbe gegriffen habe, steht der liebe Kerl schon wieder wartend und Schwanzwedelnd vor mir. NEIN!!!!

Ich schiebe den Hund einfach zur Seite und versuche, mein Frühstück zuzubereiten. Fehlanzeige! Ich drehe mich nur um – und schon habe ich mir irgendwie einen Wirbel verrenkt. Es tut so weh, dass ich kaum atmen kann. Also schleppe ich mich zum Sofa, versuche mich hinzusetzen, was sehr schmerzhaft ist. Ich kenne diese Art von Rückenschmerzen. Wenn ich einige Zeit ganz still und kerzengerade auf der Couch sitzen bleibe, wird es wieder besser – also, kein Frühstück, wie ein Stock auf der Couch sitzen und der Hund will bespielt werden. Er fordert mit immer lauter werdendem Gebell sein Recht – und gibt dann irgendwann auf.

Zwischenbilanz – Uhrzeit 6.45

Grummel im Bauch – inzwischen nicht mehr wegen dem Nachbarn, sondern allgemein. Kopfweh und jetzt noch einen verrenkten Wirbel und ein zerschnittener Finger. Und was ganz gravierend meine Laune drückt – kein Frühstück!

Da kommt der erste Schub Depri….

Auf meiner linken Schulter sitzt irgend jemand und flüstert: Nie ist jemand da, wenn man mal einen brauchen würde! Für alle mache ich immer alles – und wer hilft mir?

Auf meiner rechten Schulter sitzt wohl der Gegenpol, es scheint das Gute zu sein, das mich beruhigen will….: Es weiß doch niemand! Ist ja nicht so schlimm. Wird schon wieder!

In mir grummelt es immer lauter: Halt deinen Mund rechte Seite – ich LEIDE!!! Von rechts ist Stille! – Na also!

Nun, irgendwann so um viertel vor neun muss ich mich dann wieder hochrappeln, mein Wille ist gerade in Hochform und erinnert mich daran, dass gleich Joyce Meyer im Fernsehen ihren allmorgendlichen Gottesdienst abhält, den ich ja nicht versäumen will. Unter Schmerzen angle ich mir die Fernsteuerung und schalte den Apparat ein. Weil es noch nicht ganz neun Uhr ist, schalte ich nochmal auf ein anderes Programm. Ungefähr kurz vor halb zehn fällt mir Joyce Meyer wieder ein, der Abspann der Sendung läuft gerade noch…. SUPER!!!

Nun habe ich die Sendung verpasst. Und ich habe jetzt wirklich Hunger. Also ab in die Küche, der Hund schon wieder spielbereit neben mir. Ich drehe mich um – und stolpere über ihn. Er hatte gemeint, sich hinter mich stellen zu müssen. Mit meinem unvergleichlichen pfälzer Dialekt schreie ich den armen Kerl an: „ALDA –  raus jetzt!!!!“ Der erschrickt und rennt davon. KANN MICH DENN KEINER MAL IN RUHE LASSEN!!!!

Linke Seite: Siehst du, es ist ein ganz schlechter Tag für dich!

Rechte Seite: Rufe den Hund zurück. Er kann nichts dafür, streichle ihn und beruhige dich!…. Ich antworte wortlos:  Halt die Klappe!!! (Arme rechte Seite!) Irgendwann ist der Hund dann von selbst wieder angeschlichen gekommen und ich habe ihn gestreichelt. Die rechte Seite hatte gewonnen.

So irgendwann um zehn Uhr habe ich dann auch gefrühstückt, habe immer noch Kopfweh und Rückenschmerzen und der zerschnittene Finger pocht. Jetzt ist es Zeit, die Wäsche in die Waschmaschine zu stecken. Mich ärgert schon alleine der Anblick des geschätzten Kubikmeters „frischer Schmutzwäsche“ die mein Junior anscheinend am vergangenen Abend hingeworfen hatte. Also, Wäsche sortieren, Maschine einräumen, mit Schmerzen und in der Hocke. Der Hund meint, wir spielen auf dem Boden weiter und hüpft von hinten auf mich… Autsch! Sofort steigt mir wieder der Gallensaft, aber dieses Mal gewinnt die rechte Seite sofort. Ich schimpfe ihn nicht, werfe nur den Ball quer durchs Haus, damit er länger zum Holen braucht und drücke die Tür hinter ihm zu.

Kaum bin ich mühsam in der Hocke und habe den Hund erfolgreich ausgesperrt, da klingelt das Telefon. Ich also wieder mühsam – und so schnell wie möglich – hoch und ans Telefon. Ich nehme ab und es ertönt ein Faxsignal. NEIN!!! Es scheint bei uns eine Firma zu geben, die gerne Faxe verschickt und für die Vorwahl zwei Nullen wählen muss, wird die eine Null vergessen, landet das Telefonat bei mir…. SUPER!!!! Also ich wieder zurück, Tür zu, in die Hocke, Wäsche sortieren, Maschine einfüllen….. das Telefon klingelt…. Ich ignoriere es, fülle Waschmittel und Weichspüler ein, und das Ding klingelt immer noch. Also gehe ich wieder hoch aus der Hocke, zum Telefon…. Faxsignal….. AAHHHH!!! So geht das dann ungefähr geschätzte zweitausend mal…. Ich habe Kopfweh, mein Rücken schmerzt, mein Finger pocht und keinen interessiert es….. Ehrlich gesagt, wer auch immer diese Null vergessen hatte zu drücken…. Der kann froh sein, dass ich seine Telefonnummer nicht kenne, sonst….. ich war kurz vor dem Platzen… mit Rückenschmerzen, Fingerpochen und Kopfweh, das immer schlimmer wurde.

Und weder meine linke noch meine rechte Seite kamen auf die Idee, mir eine Tablette gegen Schmerzen vorzuschlagen – das Volk!

Irgendwann war dann Ruhe am Telefon – bis es nochmal klingelte und nochmal und dann nochmal. Und dessen nicht genug, nun klingelte auch noch mein Handy… nur, wo war das? Wo hatte ich das zuletzt hingelegt. Mein Puls stieg. Meine linke Seite meldete sich: Warum bist du auch so schlampig? Würdest du… hättest du…. Du musst…. RUHE DA LINKS!!!

Ach wie liebte ich meine rechte Seite auf einmal: Schau in deine Tasche! Sagt sie leise – und da liegt mein Handy! Ich schaue nach, wer der Anrufer war, denn inzwischen hat der aufgegeben…. Super… Unbekannt!!! Und dafür war ich jetzt auf Puls 360! Was für ein Tag! Doch dann klingelt mein liebes Handy tatsächlich nochmal! Hurra! Mein Sohn meldet sich: Mam alles ok? Ich hab schon dauernd auf deinem Festnetz angerufen….?!? Ach!!! Das war gar nicht mehr der Fax-Falschwähler, das war mein Sohn….. nein, ich werde jetzt nicht auf meinen linken Miesmacher hören, der mir ein schlechtes Gewissen und dumme Sprüche einflüstern will. RUHE!!!

Später im Garten sehe ich, dass sich  Ungeziefer an meinen schönen gehegten und von mir geliebten Rosen breit macht. Also ziehe ich los und denke böse, wartet nur! Weg von meinen Lieblingen. Doch – die Gartenspritze ist unauffindbar.

Der auf der linken Seite meint lakonisch: Siehste… hättest das Ding mal besser aufgeräumt, jetzt kannste sie suchen! Als ich die Spritze dann endlich gefunden habe, bekomme ich Besuch von meiner Nachbarin. Es wird keine Rosenspritzung an diesem Tag geben, denn als sie geht und ich die Tür hinter ihr schließe, klemme ich mir dermaßen den soundso schon kaputten Finger in die schwere Haustür, dass mir schlagartig sehr schlecht wird. Also schleppe ich mich zum Wasserhahn und kühle meinen armen pochenden Finger und sehe dabei, dass der Fingernagel sehr blau angelaufen ist. Übrigens hat meine Nachbarin davon nichts mitbekommen.

Links höre ich: Bist selbst schuld! Pass doch auf, wenn du die Tür zumachst. Ehrlich, ich könnte in diesem Moment meinem linken Stimmchen eine ins Mäulchen hauen, so richtig wie auf einen Boxsack!

Von rechts kommt das Gefühl, dass mein Schmerz nachlässt und das sanfte, freundliche Stimmchen flüstert: Ist gleich wieder besser!

Ich schleppe mich den Rest des Tages von der Couch, wegen dem Rücken zur Waschmaschine, hänge mühsam die Wäsche auf, und das ungefähr zehn Mal,  füttere mühsam den Hund, Hunger habe ich keinen mehr, dafür mehr Schmerzen. Ich bin genervt, frustriert, deprimiert, zornig,

Fazit ungefähr eine halbe Stunde, bevor der Liebste wieder von der Arbeit nach Hause kommt: Meine Arbeit für diesen Tag habe ich nicht mal halb erledigt, meine Psyche ist sozusagen auf dem Tiefststand, ich fühle mich müde, abgeschlafft, einsam, ungeliebt.

Habe pochendes Kopfweh, Rücken schmerzen, Fingerschmerzen mit Bluterguss im Fingernagel und einer Schnittwunde, Puls unmessbar im kritischen Bereich, desgleichen auch mein Adrenalin, sozusagen die schlechtesten Voraussetzungen, jetzt meinen ahnungslosen Ehemann zuhause zu empfangen. Aber wie meine linke Seite dann auch flüstert, als hätte sie es gewusst: Warte nur mal, jetzt erlebst du gleich was ganz fieses! – Hätte ich doch nur nicht auf diesen Fiesling gehört…. Später ist man ja immer schlauer!

Kaum ist der Liebste zur Tür herein, geht das Gezetere meinerseits auch schon los. Ehrlich gesagt, weiß ich den Grund nicht, warum ich meinen armen Mann so angeschnauzt habe. Irgendwie ist da ein Ventil in mir aufgegangen. Ich habe meinen ganzen Frust von Tag an ihm ausgelassen. Nichts konnte er Recht machen. Das Resultat davon ist nun, dass ich alleine in der Küche sitze, meine bessere Hälfte sich vor den Fernseher verkrochen hat, wahrscheinlich hätte er jetzt gerne eine Tarnkappe.

Jetzt ist es Abend, ich bin wieder einsam, traurig, alleine, habe Kopf-, Rücken- und Fingerschmerzen, fühle mich unverstanden, habe jeglichen Lebensmut verloren, alles erscheint mir sinnlos und vergeblich. Weder mein linkes noch mein rechtes Stimmchen haben gerade Mitspracherecht an meiner Gemütslage. Das Beste wird sein, ich lege mich in mein Bett, ich bin soundso die ärmste Person im ganzen Universum!

Gesagt, getan! Mein wortlos schauender Ehemann bleibt wahrscheinlich ratlos zurück, er traut sich nicht mehr, mich anzusprechen, nach diesem Empfang von vorhin.

Ich liege schon im Bett und pflege meine Depriphase, da klingelt mein Handy nochmal. Eine meiner Freundinnen aus unserer Kirchengemeinde ist am anderen Ende und fragt mich, wie es mir geht. ENDLICH! Endlich will mal jemand wissen, wie schlecht ich mich fühle! Geduldig hört sie mir zu. Sie sagt kaum ein Wort dazwischen, lässt mich einfach reden. Ich benötige ungefähr eine halbe Stunde, bis ich mir alles „von der Seele“ geredet habe. Im wahrsten Sinne des Wortes, hat meine Seele meine Depriphase jetzt nicht mehr zu tragen.  Ich fühle mich sichtlich befreit, nur weil ich mir „alles vom Herzen geredet habe“. Auch mein Pulsschlag ist wieder in der Norm. Sogar meine Kopfschmerzen sind nicht mehr, nur mein Rücken braucht noch eine stabile Ruhiglage im Bett, damit sich die Wirbel wieder einrenken können. Der Finger pulsiert immer noch, aber es ist erträglich.

Nach etwa zwei Stunden Telefonat über alles Mögliche, wörtlich gesagt, über Gott und die Welt, lege ich sichtlich erleichtert den Hörer wieder auf. Genau in dem Moment, als im TV  die Abendsendung von Joyce Meyer beginnt. Jetzt ist der richtige Moment, mir das anzusehen. Nun rate, über was die Frau an diesem Abend spricht? Über „Gefühle“! Sie meine „ich denke – ich fühle“ sind die schlimmsten Miesmacher im Leben. Weil Gedanken und Gefühle so wechselhaft wie Fähnchen im Wind seien und einem das Leben von Himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt einen Streich spielt.

Da wurde mir eine Erleuchtung gegeben! Das war genau mein Tag. Sie hat ihn treffend beschrieben. Himmelhoch aufgewacht, an den Vögeln gefreut, mich über den Nachbarn geärgert, und so weiter und so weiter……

Und jetzt, 16 Stunden später, fängt meine Psyche wieder an, sich wohl zu fühlen. Was ist nur los!?!?  Kann man wirklich so viele Emotionen an einem Tag haben….. mit diesen Gedanken beschäftigt liege ich still in meinem Bett….da höre ich sie wieder…. Die Nachtigall vom vergangenen frühen morgen sitzt auf unserem Dachfirst und trällert ihr Lied. Mein rechtes Stimmchen flüstert: Hörst du sie… sie hatte einen schönen Tag und bedankt sich bei unserem Schöpfer!

Das hat gesessen. Wenn eine Nachtigall, ein Tier, einen schönen Tag hatte, obwohl sie ihr Essen suchen musste, vor Gefahren vorsichtig sein musste, und ihr Leben meistern musste, saß sie jetzt seelenruhig auf dem Dach und brachte unserem Schöpfer Lobpreis und Anbetung und Danksagung!!!!

Oh Elke….

Das waren 16 Stunden meines Lebens mit meiner ganz privaten Depri…. Im Nachhinein habe ich mir größtenteils meinen Tag selbst vermiest. Diese Lebenszeit ist um.

Ich habe meine Lektion gelernt! Lasse dich niemals auf Gefühle und Gedanken ein, die soundso nichts bringen. Dazu gehört  alles, was dich niederdrücken will. Schlag dem Stimmchen auf deiner linken Seite gleich eine auf den Kopf, damit es keine Chance hat, sich Gehör zu verschaffen!

Auch wenn´s schwer sein wird, Übung macht den Meister!

Ich jedenfalls werde mein Möglichstes geben, darin ein Meister zu werden!